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Es geht beim "Ewig kennen" Effekt selten um materielle Dinge

Es geht beim "Ewig kennen" Effekt selten um materielle Dinge


Die Vorstellung, sich “ewig zu kennen”, hat oft nichts mit Ewigkeit zu tun, wohl aber mit einer gefühlten Vertrautheit und der Art, wie wir gemeinhin Entscheidungen treffen. Unser Leben ist voll von Entscheidungen – aber so unterschiedlich jede einzelne Entscheidungssituation sein mag, so allgemein sind die Kriterien der Entscheidung. Warum Menschen sich so entscheiden, wie sie es tun, und welche Ziele sie damit verfolgen, hat schon den griechischen Philosophen Aristoteles ins Grübeln gebracht.

Der US-amerikanische Rechtstheoretiker John Rawls kam dann in den 1970er Jahren zu seinem Modell der „Inklusivität“, ein Modell, das komplexe Entscheidungen einfach erklären soll. Der komplizierte Begriff „Inklusivität“ bedeutet hierbei eigentlich nichts weiter als ein Zusammenwirken mehrerer Pluspunkte, die für eine Entscheidung sprechen.

Option A: Urlaub in einem ****Hotel mit Wellness-Anlage und Fitnesscenter
Option B: Urlaub in einem ****Hotel mit Wellness-Anlage, Fitnesscenter und eigener Sushi-Bar

Die „inklusivere“ Entscheidung wäre die für Option B – es sei denn, Sie hassen rohen Fisch. Allgemein will diese Theorie der Inklusivität aussagen, dass Sie sich, wenn Sie sich zwischen zwei Alternativen entscheiden, stets für die entscheiden, die mehr bietet1.



Bezogen auf die Partnerschaft könnte das bedeuten, dass Sie nicht Partner A – den mit Haus und Swimmingpool – sondern Partner B – den mit Haus, Swimmingpool und Bentley wählen, denn das wäre Ihr „inklusives“ Match. Allerdings geht es beim „Ewig kennen“ Effekt selten um materielle Dinge. Und hier fangen die Schwierigkeiten an. Vertrautheit entsteht dann, sagen Neurowissenschaftler, wenn unser Gehirn Informationen verarbeitet, die es bereits kennt.
 
Die Werbung nutzt diesen Effekt schamlos aus (und muss es ja auch, schließlich will Werbung Geld verdienen). So werben Filmstars für Rasierwasser, Sängerinnen für Designerkleidung, Fußballstars für Kommunikationsgeräte, auch wenn es zwischen der Person und dem Produkt gar keine Verbindung gibt. Was hat David Beckham mit einem Telefon zu tun? Nichts, aber sie finden das Telefon gut, weil Sie David Beckham gut finden und er Vertrautheit suggeriert, die sich auf Ihre Wahrnehmung des Produkts überträgt. Allein der Effekt, ein bekanntes Gesicht mit einem Produkt zu verbinden, bewirkt, dass wir das Produkt automatisch als positiv bewerten.

So ist es auch, wenn wir einen Fremden kennenlernen, der uns auf den ersten Blick vertraut erscheint: wir bewerten ihn als positiv, denn unser Gehirn hat in Sekundenschnelle Informationen verarbeitet, die ihm bereits bekannt sind – sei es, dass der neue Partner einem alten gleicht, oder dass sein Deodorant ähnlich riecht. Nicht immer sind diese so genannten „Erinnerungsheuristiken“, wie Psychologen sie nennen (Faustregeln oder Schnell-Schlüsse des Gedächtnisses), auch gut für uns.
 
Denn auch das Negative wird gespeichert und kommt uns irgendwie vertraut vor, alter Schmerz und alte Verletzungen können reaktiviert werden, wenn wir einem Menschen begegnen, der uns spontan an etwas erinnert, das mit der ursprünglichen Leiderfahrung gekoppelt war. So kann die absurde – aber psychologisch folgerichtige – Situation entstehen, dass wir einen völlig Fremden spontan positiv einschätzen, obwohl er tatsächlich negative Erinnerungen in uns abruft, vielleicht an einen abweisenden Vater, dessen Mimik und Gestik ihm ähnelt, oder einem problematischen Ex-Partner, der einen recht ähnlichen Akzent hatte.

Grund: unser Gehirn bewertet spontan nicht die Qualität der Information, sondern rein schematisch nur ihr Vorhandensein. Wir finden gut, was wir kennen, weil wir es kennen – auch wenn es uns verletzt2. Der „Ewig kennen“ Effekt ist aus Sicht der Gedächtnisforschung kein Anlass zum Jubel, sondern kann ein Warnsignal sein. Vertrautheitsgefühl entsteht immer dann, wenn ein neuer Mensch eine bereits abgespeicherte Information bei uns aktiviert – unabhängig von deren Wert!

1Wer mehr über sein eigenes “inklusives” Match wissen möchte: John Rawls, A theory of justice (1971)
2Depeche Mode haben einen wundervollen Song dazu entwickelt: http://www.depechemode.de/lyrics/depeche-mode/a-pain-that-im-used-to-2/

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