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Karma Chamäleon oder was ist wirklich dran an Karma?

Karma Chamäleon oder was ist wirklich dran an Karma?

„Karma“ ist ein Begriff aus der altindischen Gelehrtensprache Sanskrit und bedeutet eigentlich Handlung. Als „karmisch“ ist insofern eine Reaktionskette zu verstehen, die aus ständigen Reaktionen auf Aktionen oder Konsequenzen für Ursachen besteht. Der nahe liegende ethische Rat, der aus dem Karma-Gedanken abgeleitet wird, ist der, die Folgen seines Handelns im Voraus zu bedenken – ein allgemein gültiger und universeller Rat, der vielen Religionen eigen ist. Hierbei gleicht „Karma“ auch der bekannten goldenen Regel im Umgang mit Menschen, die lautet „behandele andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden willst.“

Gutes Handeln trüge gute Früchte, deutet man also an, schlechtes Handeln bringe schlechte Folgen; alles Ausgesandte fiele irgendwann auf den Verursacher zurück. Im Gegensatz zur goldenen Regel, die sich rein auf das Diesseits bezieht, steht der Karma-Gedanke jedoch für Vergeltung von guten und schlechten Taten über ein Erdenleben hinaus und durch mehrere Inkarnationen hindurch. Das „samsara“, das ewige Rad des Lebens, umfasse den Kreislauf der Wiedergeburten. Der Hinduismus, aus dem der Karma-Gedanke ursprünglich stammt, vertritt wie viele Religionen den Gedanken der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die bestehen bliebe, wenn der Körper vergeht. In einem der Hauptlehrstücke des Hinduismus, der Bhagavadgita, heißt es:

„Die Seele ist unsterblich, Feuer brennt sie nicht, ein Pfeil trifft sie nicht…“1



Hintergrund dieser Rede von Prinz Ardjuna ist ein historischer Bruderkrieg, in dem sich fünf Brüder im Streit um eine Frau, Prinzessin Draupadi, bekämpfen und am Sinn dieser Handlungen zweifeln. Ardjuna erwidert diesen Zweifel am Sinn des Krieges mit einer Ermahnung, den Körper gering zu schätzen, da die Seele unsterblich sei (der eigentliche Sinn des Krieges unter Brüdern ist dadurch jedoch keineswegs erklärt). Der Gedanke an die Unsterblichkeit der Seele ist hier eine Ermutigung für die Krieger, ihr Handwerk fortzusetzen, da sie den Tod des Körpers nicht mehr fürchten – eine probate Technik der manipulativen Redekunst bei militärischen Einsätzen.2

Doch der Karma-Gedanke hat nicht nur rhetorischen Wert auf dem Schlachtfeld, sondern prägt auch soziale Unterschiede. In der hinduistischen Gesellschaft gibt es noch heute vier Kasten: brahman (Priester), khsatrya (Krieger) und vaishya (Kaufleute), die unterste Kaste sind die shudra (Erwerbslose), die Ausgestoßenen oder Kranken sind die pariah (Unberührbare).3 Ehen sind nur innerhalb der Kasten erlaubt und unterliegen strengen kultischen Regeln. Wer glaubt, diese strikten Regeln seien ein Relikt aus dem Mittelalter, hat sich getäuscht – sie gelten bis heute.

„Karmische Beziehungen“ sind in Europa eine stehende Redewendung geworden, wenn man damit bezeichnen will, dass man sich in besonderer Weise an den Partner gebunden fühlt. Oft liegen die Ursachen für diesen Eindruck jedoch im aktuellen Leben und nicht in früheren Inkarnationen – der „Ewig kennen“ Effekt kann ein Grund sein. Auch die verbreitete Idee, in „karmischen Beziehungen“ leiden zu müssen, ist weit entfernt vom Ursprungsgedanken, denn „Karma“ bedeutet nicht Leid, sondern Konsequenz – und im Gegensatz zu mancher Inderin, die durch Kasten-Regeln bei der Wahl ihres Partners eingeschränkt wird, haben Sie heute eine freie Wahl.

In manchen esoterischen Vorstellungen gibt es auch so genannte karmische „Seelenfamilien“. Diese Seelenfamilien sollen ein energetisches Feld sein, das außerhalb von Raum und Zeit existiere und seinen Mitgliedern bei der Bewältigung des Lebens helfe, indem es Informationen mitteile, die jeweils gerade nützlich sind. Wie in jeder Familie, gäbe es jedoch auch in so genannten Seelenfamilien Konflikte.
 
Dass man sich zu einer Seelenfamilie zugehörig fühlt, bedeutet nicht, dass dort Friede und Freude herrscht. Ob „karmische Beziehungen“ im klassischen Indien (ganz zu schweigen vom heutigen Schwellenland, das zunehmend westlicher wird) ähnlich aufgefasst wurden wie heute in manchen Esoterik-Kreisen, die den „Seelenpartner“ und „Mr Right“ zusammengießen in einer Mischung mit Karma, sei dahingestellt.

Prinzessin Draupadi – Sie kennen sie schon – hatte nicht einen Gatten, sondern gleich fünf Ehemänner, besagte Brüder. Mit denen hatte sie allerdings Pech, denn der vorgeblich Tugendhafteste verspielte sie als Einsatz beim Schachspiel und ihre Wiedergewinnung gab den Anlass zum Brüderkrieg, der in der Bhagavadgita beschrieben wird. Ob das karmisch war, mögen wir Draupadi fragen, ich wage es zu bezweifeln.

1Rede von Prinz Ardjuna in: Mahabharata, Bhagavadgita, S. 218, in: Ausgabe Diederichs (1986)
2Auch die Wikinger glaubten, tapfere Krieger würden in Valhall geehrt; Mohammed verspricht Kriegern, die in der Schlacht fallen, paradiesische Gärten in der Begleitung wunderschöner Jungfrauen; die alten Griechen waren überzeugt, dass die Geister von gefallenen Kriegern auf dem Schlachtfeld verblieben, wie Homer berichtet.
3http://www.wissen.de/kastensystem-im-hinduismus

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