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Der "eine" Richtige - Ein Konzept des 19. Jahrhunderts

Der "eine" Richtige - Ein Konzept des 19. Jahrhunderts


Viele glauben, die Vorstellung vom „Richtigen“, den es angeblich nur einmal geben soll, stamme aus dem Altertum oder dem Mittelalter. Das ist jedoch historisch falsch. In der Antike gab es natürlich auch schon homosexuelle Paare (in Griechenland stand die Ehe generell in wenig Ansehen und die Liebe unter Männern galt als viel wertvoller), es gab Partnerwechsel in homo- und heterosexuellen Beziehungen und manchmal offizielle Mehrfachehen – der Denker Sokrates war zum Beispiel mit zwei Frauen gleichzeitig verheiratet, mit Myrtho und Xanthippe.1

Auch das vermeintlich so düstere Mittelalter kannte zwar brutale Strafen für Ehebrecher, aber auch etliche juristische und praktische Schlupflöcher, um die Einehe zu umgehen, und die Dichter hinterließen mit Werken wie Giovanni Boccaccios „Decamerone“ aus dem 14. Jahrhundert eine breite Spur von Zeugnissen darüber, dass die kirchliche Doktrin mitunter sehr locker aufgefasst wurde, und das nicht nur in Italien.



Das Konzept des angeblich „einen“ Richtigen fürs ganze Leben stammt aus dem 19. Jahrhundert, als Charles Darwin gerade seine natürliche Abstammungslehre des Menschen entwickelte (wofür er in kirchlichen Kreisen auch stark angegriffen wurde) und als technisches Wunder die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth tuckerte, was seinerzeit natürlich ein bizarres Höllenwerk war und entsprechend verachtet wurde.
 
In dieser Zeit herrschten in Europa sehr starre Wertvorstellungen, und das nicht, weil plötzlich alle Bürger auf wundersame Weise fromm geworden wären, sondern weil die Kirche zunehmend an Macht und Einfluss verlor und sich gegen den Fortschritt behaupten musste und auch, weil man sich vom „feudalen“ 18. Jahrhundert mit seinem dekadenten Hofleben und seinen politischen Intrigen abgrenzen wollte (mit anderer Dekadenz und anderen politischen Intrigen).

Konservativismus auch in der Liebe war angesagt: auf dem Wiener Kongress 1815 verdammte der strenge Fürst Metternich alle Arten des Geschlechtslebens, die nicht im direkten Einklang mit der katholischen Kirche standen. Nur die Zeugung von rechtmäßigen ehelichen Nachkommen galt als Ziel einer geschlechtlichen Vereinigung, und jede Form von freier Partnerwahl oder vorehelicher Beziehung wurde als Sünde gebrandmarkt. Eine Epoche unterdrückter Erotik und verschärfter sozialer Kontrolle begann, die in Deutschland „Biedermeier“ hieß und in England, unter der aus einem deutschen Adelsgeschlecht stammenden Queen Victoria, „das viktorianische Zeitalter“.2

Das Konzept vom „Richtigen“, welcher der einzig wahre Partner einer Frau sein sollte, entstand in dieser Zeit und förderte einen Kult um Jungfräulichkeit und glorifizierter Einehe. Hinzu kam damals, dass wirtschaftlich gesehen für mehr und mehr Menschen die Ressourcen knapp waren. In unsicheren Zeiten werden die Wertvorstellungen der Leute gewöhnlich konservativer und „ehelastiger“.

knappe Ressourcen/ Krise = konservative Werte (Monogamie, Warten bis zur Ehe etc.)

florierende Wirtschaft = liberale Werte (freie Liebe, wechselnde Partner, Selbstbestimmung der Frau etc.)3

Also: wenn die Menschen ärmer und verunsichert werden, klammern sie sich an asketische Ideale. Besonders extrem waren diese Zustände in der „neuen Welt“, der heutigen USA, wo im 19. Jahrhundert für viele Bürger die sichere Aussicht auf die Zukunft und damit die Planungssicherheit wegfiel. Zeitgleich entstand dort ein Kult um die Einehe lebenslang und den angeblich einen richtigen Partner. Wundert es uns, dass das Gerede um den „Mr Right“ noch heute aus Übersee kommt?

 
Eine aktuelle Flut von Ratgeber-Büchern und Filmen macht die Suche nach „Mr Right“ zum Inhalt und das prägt mittlerweile auch viele Frauen in Europa. Psychologen sind jedoch der Meinung, dass „Mr Gut genug“ völlig ausreichend sei für eine harmonische Beziehung – und das überhöhte Ideal eher schadet.

1Nur Xanthippe machte sich in der Geschichte einen Namen, wenn auch keinen guten.
2Im viktorianischen Zeitalter verhüllte man die Beine von Klavieren und Stühlen, da ihre geschwungene Form entfernt an weibliche Schenkel erinnern könnte. Prüderie erhitzt die Fantasien.
3Wenn Sie mehr wissen wollen, wie Werte „gemacht“ werden: Robert Pfaller, Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft (2008)

weiter lesen » Meditation zu "Der Richtige fürs Leben"


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