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Orakel international - Katoptromantie: Wahrsagen aus dem Spiegel

Orakel international - Katoptromantie: Wahrsagen aus dem Spiegel

Das Königreich Belgien ist zweigeteilt: Flandern und Wallonien, das sind zwei Teile dieses Landes, und zugleich auch zwei Geschichten und zwei Mentalitäten. Durch die beiden Teile, geografisch gesehen praktisch auf der Grenze, befindet sich die Hauptstadt Brüssel.

Während das französischsprachige Wallonien (die Wallonie) sehr stark vom angrenzenden Frankreich geprägt ist, ist das deutsch- oder niederländisch-sprachige Flandern eine Region, die sich kulturell eher an den Niederlanden orientiert – auch wenn stolze Flandern das nicht gern hören mögen, weil sie sich gern als völlig unabhängig ansehen.

Flandern war in der frühen Neuzeit eine künstlerisch sehr reiche Region: weltbekannte Namen wir Rembrandt van Rijm, Rubens und andere „flämische Meister“ zeigten der Welt, welchen Farben- und Einfallsreichtum diese kleine, aber hoch produktive Region haben kann. Die Universitäten von Antwerpen, Löwen und Brügge waren und sind berühmt für ihre Produktivität.



Heute sind die Flandern neben der Wissenschaft in wirtschaftlicher Hinsicht große Import-und Exportmeister, die gern Handel treiben und sich fortschrittlich zeigen. In Flandern gibt es jedoch auch noch viele alte Traditionen, die bis heute lebendig sind. Touristen bewundern die Spitzenklöppelei, die in Flandern berühmt ist. Doch eine andere Art des „Stickens“, nämlich das Weben des Schicksalsfadens, ist hier auch bekannt: in Flandern gibt es traditionell viele Wahrsagekünste, mit Karten, Kerzen, Rauchlesen und vielen anderen Medien.

Eine bestimmte Form ist hier sehr verbreitet: die Katoptromantie, das Orakeln aus dem Spiegel

Katoptromantie ist das Wahrsagen der Zukunft aus einem Spiegel (von griechisch katoptros, Spiegel, und mantein, wahrsagen). In Belgien und insbesondere in Flandern hat das Spiegelsehen Tradition, denn hier wurde schon im 17. Jahrhundert viel Handel mit aller Welt getrieben, und über die See kamen schöne Spiegel in das kleine Land an der Nordseeküste.

Hier wurde dann auch entdeckt, dass man mit dem Spiegel nicht nur sich selbst anschauen konnte, sondern dass es auch möglich war, einen Blick in die Zukunft zu erhaschen. Wie das geschehen sollte, dafür gab es mehrere „Rezepte“. Einerseits war es Brauch, sich rückwärts dem Spiegel zu nähern, eine Frage zu stellen und sich dann blitzschnell umzudrehen, um zu ersehen, ob sich im Spiegel eine unvertraute Gestalt zeigt, neben dem eigenen Konterfei – diese Gestalt oder diese Vision sollte Auskunft geben über das Zukünftige.

Es mag zwar merkwürdig oder sogar unheimlich klingen, dass sich eine Vision im Spiegel zeigen sollte – doch viele Seher bestätigen, dass es sich so ereignet hat, und im Grund ist diese Annahme auch nichts anders als die visionäre Wahrnehmung, die auch beim Blick in die Kristallkugel zugrunde gelegt wird.



Zusätzlich war es auch beliebt, an bestimmten Feiertagen katholischer Heiliger (Flandern war und ist katholisch, im Gegensatz zum protestantisch-lutherischen Nachbarland, den Niederlanden) eine bestimmte Art der Spiegelschau durchzuführen. Solche Feiertage waren Allerheiligen am 31.10., der Thomastag am 21.12. oder der Nikolaustag am 06.12., wenn diese Heiligen ein besonders wachsames und wohlwollendes Auge auf die Menschheit werfen sollten.

Heiratslustige Mädchen stellten dann kurz vor Mitternacht ein kleines Opfer vor den Spiegel, das aus einem Glas Wein und einigen Haaren von ihnen bestand. Um Mitternacht schauten sie in den Spiegel und sahen, ob sie nicht das Gesicht des Zukünftigen erkennen konnten. Falls ja, wurde im kommenden Jahr Hochzeit gefeiert – falls nicht, blieben sie noch ein Jahr Single…

Diese und viele andere Bräuche rankten sich um den magischen Spiegel, der die Zukunft voraussagen soll, und das übrigens nicht nur in Flandern, sondern auch in den benachbarten Niederlanden und in England, vereinzelt auch in Deutschland.

Welche magische Macht ein Spiegel hat, schildern auch die Brüder Grimm in einem ihrer bekanntesten Märchen „Schneewittchen“, wo die böse Stiefmutter den Zauberspiegel täglich befragt, wer die Schönste im ganzen Land sei, bis das Spiegel-Orakel ihr etwas verrät, was ihr nicht gefällt… Doch das ist eine andere Geschichte.



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